DIE ETWAS ANDERE WEIHNACHTSGESCHICHTE

Es begab sich aber zu der Zeit, dass eine Verordnung erging und die Pläne des Herrn gründlich durcheinanderbrachte. Denn sie nahm keine Rücksicht darauf, wie schön Gott sich diese Geschichte mit der Geburt im Stall überlegt hatte.

Und obwohl sie bereits hochschwanger war, machte Maria sich auf den Weg nach Bethlehem mit ihrem Mann Josef, der in dieser Stadt seine Wurzeln hatte und die Zeit des Lockdowns lieber dort verbringen wollte. Doch als sie in Bethlehem ankamen, konnte sie in der gesamten Stadt keine Unterkunft finden. Denn es herrschte striktes Beherbergungsverbot. Durch Zufall fanden sie schließlich einen Stall mit optimaler Querlüftung, den man zu früheren Zeiten noch zugig genannt hätte.

Derweil stand der Engel des Herrn etwas verloren draußen auf dem Feld. Hinter ihm die Menge der himmlischen Heerscharen. Sie hatten die Ankunft des Kindes in der Stadt verkünden wollen. Waren aber sofort rausgeschmissen worden, kaum dass sie mit ihrem Gesang begonnen hatten. Ob sie denn nicht wüssten, dass Singen in der aktuellen Situation überhaupt das Schlimmste sei? Zwanzig Meter weit würden die Tröpfchen dabei fliegen, mühelos! Nun standen sie dort und summten, Gott zur Ehre. Durften immerhin beieinanderstehen, weil sie glaubhaft versichert hatten, als Gottes Hofstaat zu nur einem Haushalt zu gehören.

Trotzdem fragten sie sich, wer die Botschaft hier draußen überhaupt vernehmen sollte. Ein paar Hirten waren vorhin da gewesen. In großem Abstand hatten sie ums Feuer gesessen, waren dann aber in die Stadt gegangen, um sich vor der Sperrstunde noch etwas Warmes zu Trinken zu holen. „Schaut beim Stern vorbei“, hatte ihnen ein Engel im Vorbeigehen noch zugeraunt, war sich aber unsicher, ob sie ihn durch seine Maske überhaupt verstanden hatten.

Etwas später kamen zwei Könige vorbei, die ihre Reise ursprünglich zu dritt geplant hatten. Sie hatten Säcke voller Gold, Weihrauch und Myrrhe im Gepäck. Denn unterwegs gaben sie sich als Händler aus, um das allgemeine Reiseverbot zu umgehen. Vor dem Stall trafen sie auf die kleine Hirtenschar. Die hatten den großen Stern darüber entdeckt und waren neugierig geworden, durften aber aufgrund der zu geringen Quadratmeterzahl nicht hineingehen. Darum standen sie nun vor der Stallwand und versuchten abwechselnd durch eine Lücke zwischen den Brettern hindurch etwas im Innern zu erspähen.

Als Gott das sah, wurde er traurig. „Warum hast du die Geburt eigentlich nicht in den Sommer verlegt, wo es wärmer ist und die Fallzahlen niedriger?“, fragte ihn Gabriel. „Zu verschieben erschien mir unpassend“ antworte der Herr, „schließlich wollte ich den Menschen auf diese Weise zeigen, dass ich bei ihnen bin. Zu jeder Zeit und an jedem Ort. Darum ja gerade die Sache mit dem Kind im Stall. Damit die Leute verstehen, dass sie mich überall finden. Auch dort, wo sie es gar nicht erwarten. Nur müssten sie mich dafür erstmal finden.“ Gabriel dachte kurz nach und antwortete: „Aber nicht unbedingt genau hier, wenn ich dich da richtig verstanden habe“. Gott schaute ihn lange an. „Manchmal unterschätze ich dich“, sagte er. Und nach einer weiteren Pause lächelte er und fügte etwas leiser hinzu: „Dann mache ich mich jetzt mal auf den Weg.“

1 Comment

  • Inge Kneißl
    28. Dezember 2020

    Wie oft ist Gott uns wohl schon unbemerkt begegnet? Der “Ich bin da” begleitet uns treu, schenkt Kraft und Trost auch in schweren Zeiten. In dieser Zuversicht dürfen wir behütet ins neue Jahr gehen.
    Danke für die schöne neu erzählte Weihnachtsgeschichte. Ein gesegnetes Jahr 2021 dem Verfasser und allen geneigten Lesern.

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